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Auf dem Weg zur Demokratie - Teil 2
Geschrieben von Redaktion veröffentlicht am: Mittwoch, 15. September 2004

Athen-Geschichte 632 v. Chr. wollte der Athener Aristokrat Kylon die Macht an sich reißen, die in den Händen der drei jährlich zu wählenden Archonten lag. Einer dieser drei war nominell König auf Zeit, doch er hatte vorwiegend kultische und repräsentative Verpflichtungen und stand dem Rat der Alten, dem Areopag, vor (welcher seinen Namen von dem Hügel erhielt, auf dem er tagte). Die beiden anderen Archonten waren der oberste Richter und der oberste Feldherr.
Bevor Kylon seinen Plan ausführte, befragte er das Orakel in Delphi, und die Pythia gab - nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal - eine äußerst zweideutige
Antwort: Er solle ‘am größten Festtag des Zeus“ zur Tat schreiten.


Der ehemalige Olympiasieger Kylon glaubte, sie meine das Fest von Olympia - aber weit gefehlt! Als der Coup schließlich fehlschlug, hieß es, sie habe vom Fest der Diasia gesprochen, das in Athen abgehalten wurde - dort, wo heute der Tempel des Olympischen Zeus steht. Wahrscheinlich wäre das Fest der Diasia tatsächlich der bessere Zeitpunkt gewesen, denn die meisten Athener befanden sich zu einem Brandopfer und Trinkgelage vor der Stadt, und der Weg zur Akropolis wäre frei gewesen. Kylon und seine Anhänger konnten zwar die Akropolis stürmen, aber dann gerieten sie in eine Falle. Kylon entkam zusammen mit seinem Bruder, aber seine Anhänger mußten sich ergeben, wobei ihnen die Familie der Alkmäoniden freies Geleit zusicherte. Wie so oft, wurde diese Zusage nicht eingehalten, und die Mannen wurden beim Verlassen der Festung niedergemetzelt. Kylon und seine Familie verbannte man wegen des Umsturzversuches aus Athen, aber auch den schuldigen Alkmäoniden erging es nicht anders: Die Götter waren über das Verbrechen so entsetzt, daß man davon überzeugt war, ein Fluch läge auf der Stadt.

Die weit reichenden Reformen des Solon gaben der Demokratiebewegung neuen Schwung. Er begriff offensichtlich, daß die alte Ordnung so viel Unzufriedenheit im Volk schürte, daß über kurz oder lang ein neuer Möchtegem-Tyrann wie Kylon auftreten würde. (Das Wort “Tyrann“ hatte damals noch nicht seinen späteren negativen Beiklang: Ein Tyrann war einfach jemand, der die Macht nicht geerbt hatte, sondern an sich riß.)
Im Grunde war dies ein Kinderspiel. Kylon hatte mit einer Handvoll Begleiter gezeigt, wie man es machte, er hatte nur versäumt, sich genügend Anhänger im Volke zu sichern. In anderen Stadtstaaten waren Tyrannen, die “es geschafft“ hatten, nicht unbedingt schlechter als die Könige oder Herrschaftsgremien, die sie ablösten - manchmal waren sie sogar besser. Solons Reformen konnten die Machtübernahme durch einen Tyrannen nicht für alle Zeit verhindern, doch Peisistratos, der Tyrann, der dann wirklich kam, war im Vergleich mit einem seiner Zeitgenossen, der seine Untertanen im Bauch eines Bronzeochsen schmoren ließ, ein echter Glücksfall.

Peisistratos war ein großer Freund Athens und beim Volk beliebt. Er rief das Fest der Panathenäen ins Leben, das in einer Prozession zur Akropolis gipfelte, bei der die Göttin Athene ein neues Gewand erhielt. Die Prozession ist auf dem berühmten Parthenonfries des Phidias dargestellt (siehe das Kapitel über die Akropolis). Peisistratos hatte so hohe städtebauliche Ziele, daß sein größtes Vorhaben, ein neuer Tempel des Olympischen Zeus nahe der Akropolis, erst 600 Jahre später fertiggestellt werden konnte - nicht von einem Griechen, sondern von dem griechenfreundlichen Römerkaiser Hadrian!
Peisistratos organisierte eine mit Pfeil und Bogen bewaffnete Polizei und regte den Dionysoskult an. Zu den Großen Dionysien, den Festspielen zu Ehren des Gottes, gehörten neben Trinkgelagen ein Wettstreit zweier Chöre, deren Sänger als Ziegen verkleidet waren. Später wurde das Ziegenfell durch eine themengerechte Kostümierung ersetzt. In erstaunlich kurzer Zeit entwickelte sich daraus die Tragödie des Aischylos und anderer Dramatiker - dies war praktisch die Geburt des Theaters.
Auf Peisistratos folgte dessen Sohn Hippias. Die Alkmäoniden, die als Iolge ihres Verbrechens noch immer im Exil lebten, waren über die Aussicht auf eine Erbdynastie entsetzt. Sie konnten Hippias mit Hilfe der Spartaner stürzen, um einen der ihren, Kleisthenes, an die Macht zu bringen.
Doch Kleisthenes, der durch “zünftige Vetternwirtschaft“ ans Ruder gekommen war, vollzog eine Kehrtwendung und erklärte, in Athen könne niemals politische Stabilität einkehren, solange konkurrierende Familienclans nur ihre eigenen Interessen verfolgten. Er führte eine Regierung on Repräsentanten ein, die regional und ohne Rücksicht auf Stammesgrenzen gewählt wurden. Der Stadtstaat Athen war nie eine Demokratie im modernen Sinn. Jeder Bürger hatte eine Stimme, doch die Grenzen der Zugehörigkeit zur Bürgerschaft waren so eng gezogen, daß die Macht nur einer kleinen Minderheit gehörte.
Aber den Weg in Richtung auf eine Demokratie hatte Kleisthenes immerhin gewiesen.
Um die Prinzipien der jungen Demokratie zu schützen, wurden einige kuriose Sicherungen eingebaut. Zum Beispiel wurden de Bürger einmal im Jahr aufgefordert. der Namen derjenigen Person, die sie am liebsten auf zehn Jahre verbannt sehen ollter auf eine Scherbe zu schreiben und diese in eine Urne zu werfen. Es gab keine politischen Parteien und daher keine Handhabe, unbeliebte Politiker loszuwerden. Aber das Scherbengericht erfüllte den
Gleichen Zweck, wenn eine Person mindestens 6.000 ablehnende Stimmen erhielt. Auf diese Weise wurde z.B. Aristides der Gerechte verbannt, weil dem Volk seine Scheinheiligkeit zuwider war.
Auch Themistokles erhielt den Laufpaß - erstaunlich bei einem Manne, der wie kein anderer dazu beigetragen hatte, Athen zu seiner Vormachtstellung unter den griechischen Stadtstaaten zu verhelfen. Die Perser hatten schon in den griechischen Kolonien in Kleinasien Fuß gefaßt, persische Schiffe waren in der Agäis aufgetaucht, und Themistokles wußte, daß Athen die nächste Zielscheibe sein konnte. Er sorgte dafür, daß alle athenischen Gelder in den Ausbau einer Kriegsflotte gesteckt wurden.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Athener noch keine Gedanken über einen ‘richtigen“ Hafen gemacht. Sie zogen ihre Trieren (Kriegsschiffe) einfach in der Bucht von Phaleron an Land. Themistokles drängte nun auf eine Befestigung der drei natürlichen Hafenbecken in Piräus und auf den Bau von Schutzmauem zwischen diesen Häfen und der Akropolis. Noch ehe die Mauern fertiggestellt waren, schlugen die Perser zu.
Hoffnungslose Revolution: Zum Beweis seiner Solidarität mit den ionischen Kolonien schickte Athen im Ionischen Aufstand 498 v.Chr. zwanzig Schiffe über die Agäis, da die Perser dabei waren, die ionischen Siedlungen ihrem Reich einzuverleiben. Doch die athenische Expedition war unbedeutend und führte zu nichts. Zwar brannte die Stadt Sardis nieder, aber die Athener wurden verfolgt und traten den Rückzug an.
Damit hätte alles zu Ende sein können, aber der mächtige persische Feldherr Darius erkundigte sich nach der Ursache jenes Feuers. Man nannte ihm die Athener. “Die Athener?“, fragte Darius. “Wer ist denn das?“ Er ließ einen seiner Sklaven den Namen für alle Fälle einmal aufschreiben. Aber am Hof war noch jemand, der dafür sorgte, daß die Athener nicht vergessen wurden: Hippias, der vertriebene Sohn und Erbe des Peisistratos, suchte im Exil die Gunst des persischen Hofes und glaubte, die Gelegenheit sei günstig, seine Rechnung mit
den Alkmäoniden zu begleichen. Zu diesen gehörte Kleisthenes, der liberale Despot Athens.
Das Ränkespiel des Hippias gibt einen Vorgeschmack auf die Balkanintrigen, die dem Ersten Weltkrieg vorausgingen, und die Folgen waren nicht weniger verheerend. “Jene Schiffe und jenes Feuer“, seufzte der Geschichtsschreiber Herodot, ‘standen am Anfang der Auseinandersetzungen zwischen Griechen und Barbaren.“
Es lohnt sehr, die weitere Entwicklung im Geschichtswerk des Herodot nachzulesen. Angeblich soll der Sklave des Darius jeden Tag beim Essen dreimal gesagt haben:
“Mein Gebieter, vergiß die Athener nicht!“ Darius wollte mit diesen vorwitzigen Unbekannten glimpflich verfahren und forderte von ihnen durch Boten lediglich eine Entschuldigung und ein Zeichen der Unterwerfung. Doch die Athener warfen die Boten in eine Grube, und Darius antwortete mit einer Strafexpedition, an der sich auch Hippias beteiligte.
Zum Erstaunen des Darius zahlten diese Athener es ihm aber mit gleicher Münze heim. Die Schlacht bei Marathon hat natürlich durch den Läufer Philippides, der bei den Spartanern Hilfe gegen die Perser anfordern sollte, Weltruhm erlangt. Die Spartaner sagten zu, warteten aber aus religiösen Gründen den nächsten Vollmond ab. Inzwischen war die Schlacht bereits entschieden, und die siegreichen Athener hatten sich unter den anderen Stadtstaaten neuen Respekt verschafft.
Wie nicht anders zu erwarten, glorifizierten die Griechen ihre Helden. Aber bei Herodot und Aristophanes liest es sich so, als hätten sie alles ins Lächerliche gezogen, auch ihre wirklichen Helden. So heißt es zum Beispiel von Philippides, seine größte Heldentat sei es gewesen, daß er bei der Flucht schneller war als alle anderen.
Bei Herodot erscheinen die Perserkriege oft wie ein unbedeutender Streit vor der Haustür, aber in Wirklichkeit hatte Marathon weithistorische Bedeutung. Streng genommen waren die Perser auch Arier und somit den Griechen verwandt, sie sprachen sogar eine verwandte Sprache, aber wegen der starken semitisch-babylonischen Einflüsse sahen die Griechen in ihnen ein ganz fremdes Volk.
Hier begann der Gegensatz arisch-nichtarisch, europäisch-asiatisch, Ost-West, der sich über die Kreuzzüge bis in unsere Zeit fortsetzen sollte.
Auch Xerxes, der Nachfolger des Darius, hörte den Spruch: ‘Mein Gebieter, vergiß die Athener nicht!“ Xerxes ließ bei seinen Kriegsvorbereitungen keinen Stein auf dem anderen. Genüßlich beschreibt Herodot das bizarre, aus allen Teilen der Welt zusammengetrommelte Heer, das nun anrückte. Als eine über die Dardanellen (den “Hellespont“) gebaute Brücke in einem Sturm zerbarst, ließ Xerxes dem Bericht Herodots zufolge das Meerwasser für seine Tücke auspeitschen.
Wie alle Truppen, die in feindlicher Absicht von Norden her in Griechenland einfielen - zuletzt die deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg -‚ mußten sich auch die Perser durch den Engpass der Thermopylen quälen, einen Felsvorsprung am Meer. Nur 300 Spartaner unter Leonidas verteidigten den Pass.
Sie waren sich ihrer Sache gegen die Perser und deren Verbündete (laut Herodot betrug ihre Zahl eine Million) so sicher, daß sie sich die Zeit mit “Baden und Haarekämmen“ vertrieben. Die Perser entdeckten aber einen Bergpfad - den auch Deutschen später nutzten - auf dem sich der Engpass umgehen ließ, und so rollte die persische Dampfwalze weiter.
Vor der Invasion wurden die Bewohner Athens noch rasch auf die Insel Salamis evakuiert und blieben so relativ ungeschoren.
Mit besonderem Vergnügen zerstörten die Perser ein bestimmtes Bauwerk auf der Akropolis - jenen unvollendeten Tempel. der an den glorreichen Sieg der Athener bei Marathon erinnern sollte. Aber die Athener zogen auch daraus noch Nutzen, sie errichteten später an der gleichen Stelle den Parthenon-Tempel.
Die von Stürmen gebeutelte persische Flotte wurde listig in die Meerenge zwischen Salamis und dem Festland gelockt. wo sich die zahlenmäßige Überlegenheit eher als Hindernis erwies, da sie nicht mehr manövrierfähig war. Die Bürger Athens verfolgten die Schlacht von der Insel, Xerxes von seinem Marmorthron auf einem gegenüber liegenden Hügel aus. Nach dem Sieg stand Athens Vorherrschaft unter den griechischen Stadtstaaten für den Augenblick fest. Aber würde sie von Dauer sein?

Auf dem Weg zur Demokratie - Teil 2

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  1. manarimanari schreibt  veröffentlicht am: 17.04.2005 21:18
    zur geschichte von athen gibt es sicher sehr viel interessantes zu lesen. ich freue mich über alles was ich finden kann, noch dazu, wenn es so gut geschrieben wird. sehr guter artikel, danke!!!
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