Athen-Touren Das (Verkehrs-)Chaos als Dauerzustand

Die hektischen Metropole Athen zeichnet sich im Straßenverkehr vor allem durch eines aus: Das Chaos wird zum Prinzip gemacht. Besonders gefährlich kann es werden, will man als Fußgänger von A nach B kommen. Eine Überlebenschance hat man nur, wenn man auf das Taxi setzt.

Als gleich zu Anfang des vergangenen Jahres ein Athener Autofahrer mitsamt seines Vehikels von einem riesigen Asphaltloch verschluckt wurde, hatte dieser Unfall mehr Symbolkraft, als es den Organisatoren der Olympischen Spiele in der griechischen Hauptstadt vielleicht lieb war.

Verkehrsregeln? Warum?

Damals sorgte eine geplante U-Bahn-Erweiterung für einen tiefen Krater mitten in Athen. Zwar muss es nicht gleich so schlimm kommen wie für den überraschten Fahrer, aber es ist eine hohe Kunst, sich auf den Straßen Athens zu bewegen. Das gilt für alle Verkehrsteilnehmer, egal ob im Auto sitzend, auf einem Moped oder als Fußgänger. Fahrradfahrer gibt es nicht.

In der Fünf-Millionen-Metropole fahren rund 2,5 Millionen Automobile und Motorräder herum - und das ohne sichtbares System. Wer sich beispielsweise als Fußgänger auf den wenigen Gehsteigen seinen Weg zwischen parkenden Autos, Kiosk-Kühlschranken, Kaffeehaustischen und Bauschutt erkämpft hat, vielleicht sogar auch noch einen der gut 2500 herrenlosen Hunde erfolgreich abgeschüttelt hat, kann sich immer noch nicht sicher sein, dass er auch unbeschadet sein Ziel erreicht. Denn es kann durchaus passieren, dass er noch wegen eines heranrauschenden Mopedfahrers mutig zur Seite springen muss, der ihm entgegenkommt.

Kurzum, es gibt eigentlich keine ersichtlichen Regeln im mobilen Leben eines Athener Bürgers, die das chronische Verkehrchaos unter Kontrolle bringen würden. So ist es nicht verwunderlich, dass rund 4000 Fußgänger jährlich in einen Unfall verwickelt sind. 400 Menschen sterben Jahr für Jahr bei Verkehrsunfällen.

Zufluchtsort Taxi

Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass es die Athener vorziehen, selbst kürzeste Strecken mit einem Taxi zurückzulegen. Im geschlossenen Auto fühlen sich viele Griechen relativ sicher. Man könnte sogar behaupten, die Athener seien notorische Taxifahrer.

Wer volle Bushaltestellen sieht, darf nicht denken, dass all diese Menschen auf einen der betagten Busse warten. Nein! Bushaltestellen eignen sich prima dazu, eines der rund 20.000 gelben Taxis an den Rand herbeizuwinken. Dabei stört es nicht, wenn die Fahrer bereits einen Fahrgast auf der Rückbank sitzen haben: Geht es ungefähr in dieselbe Richtung, teilen sich der Alt- und der Neukunde recht unkonventionell den Fahrpreis.



Billiges Fahr-Erlebnis

Taxifahren ist in Athen so preiswert, wie in keiner anderen Metropole Europas. Beim Start blinken auf dem Taxometer lediglich 73 Cent, dazu kommen dann noch einmal 23 Cent pro gefahrenem Kilometer. Zum Vergleich: In Rom muss man schon bei Einstieg 2,33 Euro berappen und für jeden Kilometer noch einmal 60 Cent.

Wer sich dennoch lieber in den Athener Bus reinquetscht, spart noch mehr. Nur 45 Cent kostet der einfache Fahrschein. Und auch das Athener U-Bahn-Erlebnis ist mit nur 75 Cent pro Strecke preiswert.

Charmante Ordnung

Während der Olympischen Spiele im August soll es auf den Straßen von Athen jedoch geordnet zugehen. Davon zumindest träumen Athener Stadtplaner und Verkehrsexperten. Dafür haben sie eine Art Verkehrserziehungskonzept ausgeheckt, um ihre Bürger zu disziplinieren.

Der Charme der schicken Athener Verkehrspolizistinnen soll eine Trumpfkarte sein. Gut eintausend von ihnen hat die Athener Stadtverwaltung eigens dafür angestellt. Tag für Tag patroullieren sie auf den Straßen und machen die Autofahrer auf ihr regelwidriges Fahren, Parken, Hupen, Drängeln und Rasen aufmerksam, sofern das in dem Chaos möglich ist.


Eine weitere "Erziehungsmaßnahme" gilt den Taxifahrern. So ist es ihnen untersagt, während des Fahrens ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: dem Rauchen. Zudem sollen sie in Seminaren "gezwungen" werden, Englisch zu lernen, Freundlichkeit einzuüben und sich ein umfangreiches Wissen über die Olympischen Spiele von der Antike bis in die Moderne anzueignen. Letzteres ruft bei den gestressten Athener Taxifahrern nur Ratlosigkeit und heftiges Kopfschütteln hervor. "Wir haben keine Zeit für's Lernen", stellte dazu ein Vertreter des griechischen Taxifahrerverbandes klar.